Erinnerungen

Es war etwa vier Uhr nachmittags, als ich mich auf den Weg in das Waldgebiet auf einer Anhöhe über Kamenice machte, um zwei Personen zu besuchen, die mich seit meiner frühen Jugend stark beeinflusst hatten und ohne die ich heute nicht kurz vor der wichtigsten Reise meines Lebens stehen würde.
Mein Name ist Vigo Filip und zumindest mein Nachname ist seit mein Onkel Rudolf Filip vor dreiundzwanzig Jahren ein Team von Experten in das Jahr Eintausendneunhundertundvierundachtzig geleitet hatte, jedem bekannt. Ebenso wie die Namen von Leo Kane, Emila Fernandez und Doktor Jacques Michell, die ihm treu zur Seite standen und mit ihm gemeinsam die Tücken des zwanzigsten Jahrhunderts meisterten.
Wer meinen Onkel vor der Expedition Adam 84 kannte, hätte nie für möglich gehalten, dass er dazu fähig wäre einen damals siebenjährigen Jungen unter seine Obhut zu nehmen und sein Interesse für die Geheimnisse der Wissenschaften zu wecken, insbesondere die der Vergangenheitsforschung und der Temporalmechaniken, über die Filip durch seinen Hintergrund in Naturwissenschaften und Physik auch einiges zu berichten wusste. Er lebte damals allein für sein Werk „Adam Bernau“, über den er sowohl Bücher und Abhandlungen schrieb, als auch im Rahmen seiner Vorlesungen im Bereich der Vergangenheitsforschung referierte. Dabei fand er nie die Zeit eine Familie zu gründen und auch bei den zahlreichen Humidierungspartys, zu denen Rudolf Filip immer wieder gerne eingeladen wurde, erschein er nur selten und dann meist nicht sehr lange.
Sein großer Traum war es einmal dem leibhaftigen Adam Bernau gegenüber zu stehen, doch als es dann soweit war, hatte er einen elfjährigen Jungen vor sich und musste feststellen, dass er ein wenig überfordert mit der ganzen Angelegenheit war. Auch die Tatsache, dass mit dem jungen Adam noch nicht der geniale Nobelpreiträger und Erschaffer des Bernauschen Prinzips des Zeit- und Raumsprunges vor ihm stand machte ihm einige Zeit zu schaffen.
Ich denke es waren die Gespräche mit dem großen Lehrmeister, die Filip halfen das erlebte zu verarbeiten und sein Leben zu einem kleinen Teil im Raum umzuarrangieren. Jedenfalls nahm er wieder regen Kontakt zu meinem Vater auf (bisher waren die Geburtstagsgeschenke und eine Ausrede, warum er nicht kommen konnte alles was wir in einem Jahr von ihm hörten) und manövrierte sich geschickt in die Lage regelmäßig Zeit mit mir verbringen zu können. Zu Anfang erschien es mir als keine besonders gute Idee Rudolf zu besuchen, allerdings war die Neugierde den großen Lehrmeister persönlich zu sehen (er war oft bei Filip zugegen) so groß, dass ich nicht widerstehen konnte. Als ich auf diese Weise auch meinen Onkel näher kennerlernte entwickelte sich eine Art Freundschaft über die kommenden Monate, die bis zu seinem Tod vor etwa sechs Jahren anhielt. So kam es, dass es mich ebenfalls an die Akademie der Wissenschaften zog, wo ich Vergangenheitsforschung und Temporalmechanik studierte und mit einem Mentor wie Rudolf Filip und dem großen Lehrmeister als einer der besten meines Jahrganges abschloss.
Ich hatte mittlerweile in Gedanken versunken das Ziel meiner kleinen Wanderung erreicht. Der kleine Friedhof lag bei einer Lichtung im Wald neben einer saftigen, grünen Wiese und sah so aus, als hätte man Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Zeit eingefroren. Keine Sensoren, keine Automatik, nur Holz und Steine. Ich sah auf meine ALGO-Gerät am Handgelenk - kurz vor halb fünf. Zeit meinen Regenschirm aufzuspannen, denn ich hasste Überraschungen.

Ehrfürchtig öffnete ich eine kleine Tür in dem Holzzaun, der den Friedhof umgab und betrat das Gelände. Mein Ziel waren zwei Gräber in der hintersten Reihe und während ich langsam auf sie zu schritt prasselten bereits die ersten Regentropfen auf meinen Schirm. Eine halbe Stunde Regen, das hatte ich beim Wetterkontrollzentrum bestellt, wie immer, wenn ich diesen Platz besuchte. Es verlieh meinem Besuch eine andere Atmosphäre, als wenn die Sonne durch die Baumkronen schien. Denn obwohl die Menschheit gelernt hatte ein neues Verständnis für die Dialektik der Zeit zu entwickeln, so vermissten wir dennoch diejenigen, die uns nahe standen.

Rudolf Filip
8.6.2424 - 6.12.2500

Alois Drahoslav Drchlik
1.4.1914 - 20.4.2502

Da lagen die beiden Seite an Seite, obwohl es damals im Jahre Eintausendneunhundertundvierundachtzig noch nicht so ausgesehen hatte, als würden sie sich einmal bestens verstehen und zusammen ein Buch verfassen. Da hatte sich Filip zunächst durch sein Auftreten ein wenig unbeliebt gemacht und anschließend noch die einzige Kneipenhose von Drchlik versteckt, damit dieser niemandem von dem Besuch aus der Zukunft erzählen konnte.
Nach der Rettung der Menschheit vor der Abhängigkeit von dem degenerierten Zentraldenker wich Filip dem großen Lehrmeister nicht mehr von der Seite. Als Drchlik dann noch die Anmerkungen des Akademikers zu Adams Memoiren gelesen hatte, verstand er wie sehr Filip ihn schätzte und dass dieser nur ein wenig unfähig war genau das auch auszudrücken.
Während Filip mich immer wieder zu sich einlud, war auch häufig der große Lehrmeister zugegen und ich konnte beobachten, wie die beiden immer besser miteinander auskamen. Der Akademiker nutzte die Zeit nach der Expedition, um neben seinen Verpflichtungen an der Akademie der Wissenschaften und dem Sitz im Weltrat auch die Arbeit an einem weiteren Buch über Adam Bernau voranzutreiben, das alle neuen Erkenntnisse beinhalten sollte. Doch diesmal war es keine Aufgabe die er alleine angehen würde. Der große Lehrmeister, der Adams Weg einige Jahre begleitet und dessen Forschungsdrang gefördert hatte, trug einige wesentliche Kapitel dazu bei. Außerdem gab es größere Absätze von Leo Kane, Emila Fernandez und Doktor Jacques Michell, in denen sie ihre persönlichen Erfahrungen mit Adam berichten. Besonders durch die Aufnahme eines Beitrages von Emila verblüffte mein Onkel viele, hatte sie doch schließlich in ihrer Abschlussarbeit Filips Werk kritisiert („Kritik an den Kommentaren des Akademikers Filip zum Werk des Nobelpreisträgers Adam Bernau“) und dann war da ja noch die Geschichte mit den lebenden Karnickeln… aber wie gesagt, Filip hatte sich in vielerlei Hinsicht geändert. So nutzte er die Arbeit an seinem Buch auch als einen Vorwand mit seinen drei Expeditionsmitgliedern von nun an regelmäßig in Kontakt zu bleiben und auch das ein oder andere Treffen mit ihnen und Drchlik zu veranstalten. Es gab sogar ab und an eine Humidierungsparty im Hause Filip, aber damals war ich dafür noch zu jung. Einmal nahm mich Leo Kane auf einem der Besuchertreffen zu Seite und fragte mich scherzhaft, was denn mit dem echten Filip passiert wäre, hatte der Akademiker ihn doch während der Expedition für jede kleinere oder größere Panne verantwortlich gemacht.
Neben der Mitarbeit an Filips neuem Buch hatte sich der große Lehrmeister zwei weitere wichtige Ziele gesetzt. Das aus seiner Sicht vorrangige Projekt bestand im Brauen von Bier, einem Prozess der bisher hinter verschlossenen Türen durch das Vergären von Amaronenschalen praktiziert wurde. Verboten war dies zwar nicht, jedoch gesellschaftlich bestenfalls geduldet. Leo Kane hatte nach eigener Aussage „einmal läuten gehört, dass es so etwas geben sollte“ und erleichterte Drchlik den Start, der seinerseits Wissen um das Brauen von Bieren aus dem zwanzigsten Jahrhundert einbrachte. Die Zusammenarbeit mit seinem Freund Kane trug nach einigen Monaten erste Früchte und im Jahre Zweitausendvierhundertundfünfundneunzig wurde bereits per Volksentscheid für die Wiedereinführung des Bieres gestimmt und das nicht zuletzt, da Drchlik ein hohes Ansehen genoss. Gemeinsam ließen Kane und der große Lehrmeister Brauereiwerke errichten, um eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Leo Kane II, Kanes Sohn trat zu diesem Zeitpunkt immer mehr in die Fußstapfen seines Vaters und begann unter dessen Anweisung mit der Einarbeitung in den Beruf des leitenden Technikers des Museums für Vergangenheit. Mit dem Tod des großen Lehrmeisters vor fünf Jahren beschloss Leo Kane dann die Drchlik-Brauereien hauptamtlich zu leiten und so das Vermächtnis von Drchlik fortzuführen.
Die zweite Aufgabe des großen Lehrmeisters bestand in zahlreichen Reformen, die er im Weltrat anregte, um unsere Abhängigkeit vom Zentraldenker zu lösen. Es war eine gute Maschine, zu dem Zeitpunkt als die Menschheit sie erschuf, aber über die Jahrzehnte wurde unsere Gesellschaft immer abhängiger von den Vorraussagen und Prognosen des ZD, so dass wir nach dem Zwischenfall mit dem Kometen lernen mussten wieder selbständiger zu arbeiten und funktionieren. Vor einigen Jahren wurde auch dieser Prozess weitgehend abgeschlossen.
Manche kannten ihn nur als „den verrückten Drchlik, der alles klaut, was nicht niet- und nagelfest ist“ und als großer Lehrmeister wurde er damals in Kamenice von einigen nur bezeichnet, weil er zwei Jahre lang in der Karlsuniversität in Prag die Toiletten versorgt hatte, aber bei uns war er eine der angesehensten Persönlichkeiten.
Langsam ebbte der Regen ab und warme feuchte Waldluft erfüllte die Lichtung. Ich klappte meinen Schirm zusammen und machte mich auf den Weg ins Tal. Die Vorbereitungen für meine Expedition in die Vergangenheit waren nahezu abgeschlossen. In weniger als einer Woche würden das alte Team und ich Kamenice einen erneuten Besuch abstatten.