Zweitkontakt

Auch diesmal gab es eine Ausnahmeregelung die durch den ersten Weltrat genehmigt wurde, um unsere Expedition in die Vergangenheit zu legalisieren. Das Ziel von Expedition Adam 2007, bestand darin, festzustellen, ob die vorangegangene Expedition unter der Führung von Rudolf Filip die Zeitlinie versehentlich beschädigt hatte. Zu diesem Zweck planten wir einen Raumzeitsprung durchzuführen, der uns in die Nähe eines kleinen Dorfes in Bayern bringen würde, um dort Quartier zu beziehen und eine Tagestour nach Kamenice zu machen. Ein weiteres Ziel unserer Expedition bestand in den Urwälder des Nationalparkes, um dort verschiedene Exemplare ausgestorbener Tierarten (wie etwa Bienen, Libellen und Eichhörnchen) für eine Repopularisierung in unserer Zeit einzufangen. Dieser Vorschlag wurde vor allem vom Agrozentrum angeregt, da die künstlichen Bestäubungsgeräte noch immer einen höllischen Gestank verbreiteten.

Für die erneute Expedition wurde wieder der bewährte Lada NIVA aus dem Museum geholt, wenn man auch mittlerweile zu der Einsicht gelangt war, dass einige der Extras für unsere Zwecke leicht übertrieben waren. Auch die Ausrüstung war nahezu identisch mit der der letzten Expedition. Es fehlten natürlich die drei Augen und eine Wanze, die Emila damals an der Schultasche des Genies angebracht hatte. Außerdem hatten wir ein paar zeitgenössische Geräte zur Navigation und Datenverwaltung aus Kanes Museum mit dabei. Insgesamt setzte sich unsere Ausrüstung wie folgt zusammen:

- Ein sogenannter Bleistift und ein Armband, um in Kontakt zu bleiben
- Der Medizinkoffer des Doktors mit Analysegerät, diversen Pillen, dem Anti-M-M, allerdings ohne den Solarisator, da dieser ihm und der gesamten Expedition nur Ärger eingehandelt hatte.
- Material zum Erzeugen künstlicher Nahrungsmittel, obwohl Leo Kane uns versichert hat, dass man dort recht gut essen kann.
- Aufzeichnungskameras in schirm- und brillenform, diesmal mit weniger sensibler Mechanik, nachdem Filip es geschafft hatte den Schärferegler zu überdrehen.
- Der Vernichter
- und natürlich LC3, obwohl wir diesmal die Kontaktaufnahme mit der Zukunft vermeiden wollten, um kein unnötiges Chaos anzurichten.
- Außerdem nahmen wir - getarnt als ein zeitgenössisches Speichermedium und ein sogenannter Laptop - Geräte zum Speichern der Aufnahmen aus Kamenice mit, des weiteren ein Navigationsgerät um den Weg dorthin zu finden und natürlich Geräte zum Einsammeln der Insekten.

Natürlich gab es auch wieder jede Menge Bargeld - diesmal Kronen und Euro -, das wir nicht unbeaufsichtigt im Hotel herumliegen lassen würden. Die Ausweise von Leo, Jacques und Emilia wurden auf den neusten Stand gebracht, da diese mittlerweile "abgelaufen" waren, was damals wohl annähernd so schlimm war, wie überhaupt keine zu haben. So verwandelten sich die drei wieder in Emil Karas, Katja Jandova und Michal Noll, während mir der Zentraldenker den Namen Viktor Filip verpasste, was wohl zeit- und ortsbezogen unauffälliger war.

Die Vorbereitungen für die Expedition waren diesmal schneller abgeschlossen. Wir trafen uns lediglich einige Tage davor zum gemeinsamen Training, aber es gab nicht viel auf das wir uns vorbereiten konnten. Das Einsammeln der Insekten würde Katja, die im Rahmen ihres Zweitstudiums auch einiges über die ausgestorbenen Tierarten gelernt hatte übernehmen. Dennoch erklärte sie uns das Vorgehen, damit wir sie unterstützen konnten. Der Doktor bereitete sich darauf vor Bienen und Libellenstiche zu behandeln und erklärte uns auch das notwendigste, falls er selbst Opfer eines Insektes werden sollte. Eine der wichtigsten Übungen für Karas und mich bestand darin möglichst unauffällig dreidimensionale Aufzeichnungen von Kamenice für eine Analyse zu machen, aber auch dafür benötigten wir nicht viel Zeit, da unsere Aufnahmegeräte wieder ohnehin als Trickatoren in alltäglichen Gebrauchsgegenständen versteckt waren.

Ein vieldiskutiertes Problem bestand in der Tatsache, dass meine drei Freunde in Kamenice bekannt waren, da sie dort eine Woche gelebt und sich zudem noch offiziell als Geometer ausgegeben haben. Spätestens als die echten Geometer auftauchten und noch das Foto in der Druckerei der Kamenicer Nachrichten verschwand, werden dort die wildesten Gerüchte entstanden sein. Andererseits lag das alles dreiundzwanzig Jahre zurück und die Besucher hatten sich auch ein wenig verändert. Kane und Michell trugen beide Brillen und sind merklich älter geworden, drei neue Perücken für das Team taten das übrige, um sicherzustellen, dass sie nicht so schnell erkannt wurden. Außerdem würden Katja und Michell zurückbleiben, um bereits erste Experimente mit den Insekten durchzuführen, denn falls sie noch einmal Petr begegnen sollte würden wir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit signifikanten Schaden an der Zeitlinie anrichten. Für den Ernstfall würde Kane einfach abstreiten Karas zu sein und da die anderen beiden nicht mit nach Kamenice kamen und ich keine Ähnlichkeit mit Rudolf Filip aufwies, sollte dieser Plan aufgehen.

Als wir uns am Abend vor der Abreise zum traditionellen Amaronentortenessen trafen war es fast, als wäre die Zeit stehen geblieben. Natürlich waren alle Expeditionsmitglieder dreiundzwanzig Jahre gealtert und manches hatte sich in ihren Leben verändert. Kane war ja mittlerweile der Leiter der Drchlik-Brauereien und hatte noch ein viertes Kind bekommen, während es dem Doktor nach der Reise in die Vergangenheit erneut gelungen war sich mit der Grippe zu infizieren und auch dafür eine weitere Auszeichnung einzustreichen. Es folgten noch zahlreiche weitere antike Krankheiten denen der Doktor leben einhauchte, bis er gegen Ende des letzten Jahrhunderts eine nette Kollegin kennen lernte und überraschend Sesshaft wurde. Nach den Geschichten, die Kane mir kurz vor der Hochzeit des Doktors erzählte musste dies ein unerwarteter Schritt gewesen sein. Naja, wenigstens waren dann die bayrischen Volleyballerinnen vor ihm sicher. Emilia hatte es zurück an die Akademie der Wissenschaften gezogen, um noch ein Aufbaustudium zu ihrem Fach der Zoolinguistik zu absolvieren. Anschließend begann sie dort selbst Vorlesungen zu halten und die Forschungen im Bereich der ausgestorbenen Tierarten mit dem Fokus auf eine mögliche Reintegration voranzutreiben. Kurz nach ihrer Rückkehr aus der Vergangenheit lernte sie Thomas, einen der Operatoren im Zentrum des ZD näher kennen, der ihr die nötige Ablenkung von Petr verschaffte.

Da saßen wir also alle vier um die gigantische Amaronentorte und plauderten ein wenig über die alten Zeiten mit Rudolf Filip. Die drei erzählten mir wie sie kurz davor waren dem Akademiker den Gehorsam zu verweigern. Sie hatten damals schon alles abgesprochen, als mein Onkel sich beinahe beim Anzünden des Hauses für eine letzte Übung selbst verbrannt hätte. Emilia schwärmte von dem idyllischen Kleinstädchen, dass sie dieses Mal nicht zu Gesicht bekommen würde und Kane hatte mal wieder nichts außer Essen im Sinn.

"Sorge dafür, dass er nicht wieder alles kreuz und quer in sich reinschaufelt", mahnte Jacques, "diesmal bin ich ja nicht die ganze Zeit dabei, um auf ihn acht zu geben."

"Keine Sorge, ich werde darauf achten. Wie hat mein Onkel immer gesagt: `Karas, ihre Fressgier wird sie eines Tages noch umbringen`", imitierte ich den Akademiker und stand auf, um uns ein paar Getränke zu organisieren.

"Das war alles nur zu Studienzwecken", verteidigte sich Kane mit vollem Mund.

Ich kam mit vier Flaschen Drchlik-Pilsener zurück und verteilte sie unter den Besuchern.

"Ich habe aber drei Kinder", meinte Emilia und grinste Kane zu.

"Jetzt hab ich sogar vier, aber das hätte damals bei Filip auch nicht als Argument gezogen. Außerdem habe ich mich damit nie vor einem Bier gedrückt."

Wir saßen noch bis spät in den Abend um die Torte und erhoben unsere Gläser auf Filip und den großen Lehrmeister, bis es schließlich Zeit wurde zu Bett zu gehen. Das gehörte auch seit einer Woche zu den Vorbereitungen für unsere Expedition - schlafen in Betten aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Wenn man einmal daran gewöhnt ist in einem wärmenden Energiefeld in künstlicher Schwerelosigkeit zu schlafen, dann dauert es immer ein Weilchen, bis der Körper sich umgestellt hat.