Auf nach Kamenice

Zeitreisephänomene sind eine seltsame Sache und nachdem ich sämtliche Theorien auf der Akademie der Wissenschaft durchgenommen hatte fühlte ich mich in den ersten Trimestern nicht selten als hätte ich einen Pangalaktischen Donnergurgler auf Ex getrunken - nicht gut jedenfalls.
Eines der Zeitreisegesetze, das für unsere jetzige Expedition am wichtigsten ist, liegt in der Geschwindigkeit, in der Änderungen der Zeitlinie in der Vergangenheit die Zukunft beeinflussen. Es ist entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht so, dass eine Manipulation der Vergangenheit sofort die Zukunft verändert. Vielmehr reist eine Schockwelle mit einer bestimmten Geschwindigkeit durch den Zeitstrahl und beeinflusst erst bei ihrem Eintreffen in der Gegenwart die Realität. Es ist dabei nahezu unmöglich den exakten Zeitpunkt vorherzusagen. Aufgrund dieses Gesetzes ist es durchaus denkbar, dass die Expedition Adam 84 durch ihre Anwesenheit und ihre Aktionen die Zeitlinie beschädigt hat und wir die Auswirkungen erst in ein paar Jahren erfahren. Alleine um zu dieser Erkenntnis zu gelangen haben wir einige Jahre der Forschung benötigt, denn Zeitreisen sind ja bekanntlich verboten, weil manche unserer Vorfahren sie verschiedentlich missbraucht haben. Genau aus diesem Grund wurden auch die Forschungsarbeiten zu diesem Thema damals bis auf weiteres eingestellt. Mit der Rückkehr der Expedition aus der Vergangenheit und der Analyse aller Protokolle und einer ausgiebigen Befragung der Teilnehmer wurde jedoch davon ausgegangen, dass sie den normalen Fluss der Zeit gestört haben könnten und sofort mit umfangreichen Forschungsprojekten im Bereich der Temporalmechanik begonnen. Letztendlich wurde beschlossen eine erneute Expedition 500 Jahre zurückzuschicken, um eine Bestandsaufnahme der Situation in Kamenice vorzunehmen. Wenn eine Veränderung in der Zeitlinie erfolgt war, so würde sie sehr wahrscheinlich dort ihren Ursprung genommen haben und es war nahezu sicher, dass die Schockwelle - wenn es eine gab - das Jahr 2007 bereits erreicht hatte.
So schritten wir also nach dreiundzwanzig Jahren auf den guten, alten Lada Niva zu. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an diese Szene, da ich sie damals auf dem Sendebereich 38 live miterlebt hatte und sogar dafür länger aufbleiben durfte.
Natürlich hatte sich einiges geändert. Die Erde war weder direkt bedroht, noch war die Expedition lange und breit in allen Medien präsent gewesen. Dennoch einiges war wie damals: Wir starteten wieder am gleichen Ort vor den weißen Felsen; ein Filip führte die Expedition und Johansson war da, mittlerweile Ehrenmitglied des ersten Weltrates und eher in beratender Funktion tätig, aber er lies es sich nicht nehmen mir persönlich den Kinetor zu überreichen.

"Der Kinetor."

"Danke", antwortete ich, unfähig etwas anderes zu sagen, da ich mir die Aufzeichnung von der Expedition meines Onkels schon unzählige Male angesehen hatte.

Gemeinsam stiegen wir in den Lada, Michal Noll und Katja Jandova auf den Rücksitz und Emil Karas und ich nach vorne. Dann ging die Reise los, der Zähler schoss vom Jahre 2507 zügig auf das Jahr 2007 zu. Die Umgebung verschwand in undurchdringlicher Schwärze und Augeblicke später war alles vorbei. Wir befanden uns auf einem kleinen Parkplatz zwischen hohen, saftig grünen Bäumen und wurden von der warmen Mittagssonne angestrahlt. Der Doktor holte seinen kleinen Multifunktionsrechner heraus und überprüfte die Zusammensetzung der Atmosphäre, während ich eine Landkarte der Region mit unserer Umgebung verglich.
"Stimmt genau! Wir befinden uns an einem Parkplatz zwischen Mauth und Neuschönau", verkündete ich erleichtert, da mein Onkel und sein Team damals nicht so viel Glück bei ihrer Ankunft hatten.
Doch diesmal verlief alles planmäßig und ich hoffte, dass mich das Schicksal nicht für diese Feststellung bestrafen würde, denn - wie bereits erwähnt - ich mag keine Überraschungen. Karas fand den Weg nach Neuschönau, was verglichen mit Kamenice ein richtiges Dorf war, ohne Probleme. Unser erstes Ziel bestand darin in einer der zahlreichen Privatpensionen Quartier zu beziehen und dann am nächsten morgen unsere Missionen zu erfüllen. Schon bei der ersten Pension hatten wir Glück und konnten zwei Doppelzimmer anmieten.

Ich teilte mir eins mit Karas, während Katja und Michal in das andere einzogen, was die Gastwirtin im Gegensatz zum Besitzer des Hotels "Zum Löwen" nicht zu stören schien. Mein Onkel hat mir damals einiges über das einchecken in Hotels erzählt, unter anderem auch, dass er den Fehler gemacht hatte bereits fünf Minuten nach der Ankunft die Hälfte der späteren Rechnung als Schmiergeld ausgegeben zu haben. Also lies ich die bunten Papierchen in der Tasche stecken und es klappte einfach wunderbar, denn die Gastwirtin schien keinen Verdacht zu schöpfen. Die Zimmer waren allerdings mit Frühstück, was ich für den kommenden Tag mit der Begründung, dass wir früh morgens losfahren abwehren konnte.

"Ich könnte das ja einmal für uns probieren", bot Karas an.

"Und wer darf dich dann wieder behandeln wenn dir schlecht wird", antwortete Michal mit einem tadelnden Blick.

"Es gibt ja bestimmt keinen Schnaps zum Frühstück", antwortete Karas.

"Morgen wird acht Stunden gefahren, da gibt's weder heute Abend noch zum Frühstück Alkohol, Karas", grinste ich.

"Ich denke wir können das meiste gefahrlos essen und für den Notfall haben wir immer noch einen Wochenvorrat an Amaronen", gab Katja zu bedenken.

Nach der kurzen Diskussion gingen wir nochmals durch die Pläne für den kommenden Tag und danach rechtzeitig ins Bett.

Der nächste Tag begann früh morgens mit einem ausgiebigen Amaronenfrühstück. Anschließend luden Karas und ich den Doktor und Katja an einem Parkplatz in der Nähe der Sagwasser ab, um dort die ersten Versuche mit der Einlagerung der bei uns ausgestorbenen Tiere durchzuführen. Danach fuhren Karas und ich bei Philippsreut/Strazny ohne Probleme über die Tschechische Grenze und machten uns auf den langen Weg nach Kamenice.

Obwohl Neuschönau nur knapp 200 Kilometer von Kamenice entfernt lag, benötigten wir etwa dreieinhalb Stunden, um unser Ziel zu erreichen. Während Karas damit beschäftigt war zu steuern, weil ich ihm den Einsatz der Automatik verboten hatte, dokumentierte ich einen Teil unserer Reise die uns zunächst auf der 4 durch Vimperk und Strakonice, dann auf der 29 durch Pisek und schließlich auf der 19 durch Tabor nach Kamenice brachte.